Ein moderner Reisebericht aus dem Mittelalter – Die Reisen des Jean de Mandeville

Was für uns heute ein Reiseblog oder die Reisedarstellungen eines Andreas Altmann sind, war für Kulturbeflissene und Interessierte im Europa des 14. und 15. Jahrhunderts wohl das Buch des Ritters Jean de Mandeville oder auch der Titel „Die Wunder der Erde – Die Reisen des Ritters Jean de Mandeville“.

In diesem Werk beschreibt ein vermeintlich fiktiver Autor seine über dreißig Jahre andauernde Reise durch alle Länder der Welt. Die Darstellungen reichen von Westeuropa bis in den Fernen Osten und beschreiben ferne Länder sowie deren Bewohner und ihre Eigenschaften, und stillten somit den Wissensdurst über unbekannte Regionen der Erde im Mittelalter.

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MS 2810.

Ein Bestseller mit unbekanntem Autor

In einer Zeit, in der eine Reise von einer Stadt in die nächste bereits ein Abenteuer sein konnte und die Wege lang waren, wurde das Buch von den Reisen des Ritters Jean de Mandeville rasch zu einem Bestseller und von seiner Ausgangssprache Mittelfranzösisch in alle möglichen europäischen Nationalsprachen übersetzt. Obwohl es bis heute umstritten ist, wer sich hinter dem Pseudonym „Jean de Mandeville“ verbarg, kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem Autor um den Benediktinermönch und Übersetzer Jean le Long gehandelt hat. Diese Vermutung ergibt sich auch aus de Longs Zugang zu zahlreichen lateinischen Texten des 13. Jahrhunderts, die sich mit den Pilgerstätten des Nahen Ostens und unbekannten Territorien des Fernen Ostens auseinandersetzten.
Eine weitere Besonderheit dieses Reiseberichts liegt außerdem darin, dass die Darstellungen ferner Länder weitestgehend nüchtern und wertfrei geschildert werden. Im Gegensatz zu anderen literarischen Überlieferungen aus dem (Spät-)Mittelalter hat dieses Buch keine an die Leser gerichtete erzieherische Intention oder einen erkennbaren Einfluss kirchlicher Auftraggeber. Daher kann es keine Anmaßung sein, wenn man bei diesem Werk von einem fast modernen Reisebericht spricht.

Ein Wegweiser für die frühe Neuzeit

Den Überlieferungen und der Forschung zufolge soll dieser Reisebericht gar Christoph Kolumbus insofern als Inspiration gedient haben, als dass dieser sich aufgrund der Schilderungen über unsere Erde dazu entschied, von Europa aus westwärts über den Seeweg nach Indien beziehungsweise Asien zu reisen. Dies ergibt sich daraus, dass der Autor der Reisen des Ritters Jean de Mandeville in seinem Werk darauf verweist, dass die Erde eine Kugel ist und man demnach die Welt umsegeln und wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehren könne.

Jean de Mandeville beginnt seine Reise. MS 2810.

Jean de Mandeville verabschiedet sich vom englischen König und beginnt seine Reise. MS 2810.

Laut den Angaben im Werk begab sich der Ritter Jean de Mandeville im Jahr 1322 von England aus auf seine dreißig Jahre andauernde Reise und kehrte im Jahr 1356 nach Europa zurück, wo er sich aufgrund einer Gichterkrankung in die Obhut eines Arztes begab, mit dem er nach eigenen Angaben aus der ägyptischen Hauptstadt Kairo bekannt war. „Die Wunder der Erde – Die Reisen des Ritters Jean de Mandeville“ soll demnach um das Jahr 1357 entstanden und etwa 1412 vollendet worden sein. Das Manuskript wurde mit zahlreichen prachtvollen Miniaturen ausgestattet, die den Reisebericht visuell untermalen. Die Besonderheit dieser Miniaturen ist nicht nur ihre außerordentliche künstlerische Qualität, sondern auch die fantasievolle Darstellung kurioser Berichte aus fernen Ländern, für die es keine Vorlagen gab. Zu dieser Zeit war es vielmehr üblich, die bis dato bekannte Welt besonders realistisch in der bildenden Kunst wiederzugeben.

„Die Wunder der Erde – Die Reisen des Ritters Jean de Mandeville“ als Faksimile-Edition

Im Verlagshaus Müller und Schindler wird im kommenden Sommer/Herbst 2017 eine auf nur 980 Exemplare limitierte Faksimile-Edition dieses prachtvollen Werkes mit 74 wundervollen Miniaturen erscheinen. Traditionsgemäß wird auch zu dieser Faksimile-Edition ein wissenschaftlicher Kommentarband mitgeliefert, für dessen Qualität der Herausgeber und Mitautor Prof. Eberhard König bürgt.

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