Islamische Welt – ein Streifzug durch die muslimische Kulturgeschichte

Die muslimische Welt, als einer der wichtigsten Kulturräume überhaupt, befindet sich nicht nur geografisch neben Europa (bzw. lange mit Spanien, Sizilien und dem Balkan auch in Europa), sondern ist kulturgeschichtlich eng mit Europa verbunden. Heute sind Muslime ein fester Bestandteil unseres Alltags in Europa. Um sich der Bedeutung muslimischer Kulturen bewusst zu werden, muss man sich immer wieder vergegenwärtigen, dass es sich um eine Region von großer Ausdehnung und Vielfalt handelt. Sozial waren muslimisch geprägte Gesellschaften multiethnisch und multikonfessionell (praktisch alle christlichen Konfessionen, Juden, Parsen, Buddhisten und Hindus lebten über die Jahrhunderte in muslimischen Ländern). Geografisch erstreckte sich die islamische Welt von Spanien bis nach Südostasien; zeitlich von der Spätantike bis in die Moderne.

Wir vom Verlag Müller und Schindler sehen uns als kulturelle Botschafter und möchten den Austausch zwischen der abendländischen und der islamischen Welt eröffnen. Fasziniert von den prachtvollen und kostbaren islamischen Handschriften, welche die Kunstfertigkeit der Kalligrafen und Buchmaler aus mehr als zehn Jahrhunderten und aus den verschiedensten Kulturkreisen aufzeigen, freut es uns einen kleinen Einblick in die Geschichte des Islam, sowie der islamischen Buchkunst, zu geben um für ein besseres Verständnis zur muslimischen Kulturgeschichte beizutragen.

Der Islam als Weltreligion

Mit über 1,8 Milliarden Anhängern und rund einem Viertel der Weltbevölkerung ist der Islam nach dem Christentum (etwa 31%) die zweitgrößte Religionsgruppe der Welt. Der Beginn des Islams führt, wie in den meisten Religionen auf eine bestimmte Person zurück. Für die Christen ist Jesus von Nazareth der auserwählte göttliche Messias. Im Islam erhielt Mohammed ibn Abd Allah (570-632 n. Chr.), in Mekka und Medina lebend, im Laufe seines Lebens immer wieder Botschaften von Gott. Diese Offenbarungen – Suren genannt – sind im Koran (vom Arabischen: القرآنal-Qur’ān) gesammelt. Insgesamt besteht der Koran aus 114 Suren.

Blauer Koran, Blue Koran, blue Qu'ran, Seite aus dem Blauen Koran (Vers 60 und 61 aus Sure II). Aus: Blue Qur’an, Tunesien, 9.-10. Jh. (Dublin, Chester Beatty Library, CBL Is 1405A, folio 1a), Leaf from the "Blue Qur'an", Blue Qur’an, Tunisia (possibly Qairawan), 3rd-4th century AH/9th–10th century CE

Die fünf Säulen des Islams

Die wichtigsten Regeln für einen Moslem sind die fünf Säulen des Islam. Diese zu befolgen ist für jeden gläubigen Moslem eine Selbstverständlichkeit. Sie setzen sich aus dem öffentlichen Glaubensbekenntnis (Schahāda, arabisch: الشهادة– „Zeugnis, Bezeugung“), dem täglichen rituellen Gebet (Salāt, arabisch: صلاة– „Gebet“), der sozialen Spende (Zakāt, arabisch: زكاة– „Reinheit, Lauterkeit, Zuwachs“), dem Fasten während des Ramadan (Saum, arabisch: صوم– „Fasten“) und der Wallfahrt nach Mekka (Haddsch, arabisch: حج) zusammen.

Der Prophet Mohammed

Laut Überlieferung erschien Mohammed, der den Beruf des Karawanenführers und Kaufmanns ausführte, im Alter von 40 Jahren in einer Höhle am Berg Hira der Erzengel Gabriel. Er beauftragte ihn, als Allahs Gesandter, die göttliche Offenbarung vorzutragen. Er fand schnell Anhänger in Mekka und lehrte, dass es nur einen Gott geben könne und nicht mehrere, wie es bis dahin in Mekka üblich war.

Erzengel Gabriel überbringt Mohammed die 8. Sure des Korans. Aus: Siyer-i Nebi („Das Leben des Propheten“), Istanbul, um 1594–95 (Paris, Musée du Louvre, MAO 708), The Archangel Gabriel proclaims to Muhammad the 8th Surah of the Qur’an, Siyar-i Nabi (‘The Life of the Prophet’), Istanbul, c. 1002-03 AH/1594–95 CE

Die Verbreitung seiner Lehren des Monotheismus führte zu Spannungen und 622 n. Chr. zog er mit seinen Anhängern nach Medina. Diese Emigration wird als „Hidschra“ bezeichnet und ist der Beginn der muslimischen Zeitrechnung. Anders als im christlichen Kalender werden die Jahre nach dem Verlauf des Mondes und nicht nach dem Lauf der Sonne berechnet und sind demnach etwa zehn bis elf Tage kürzer. Heute schreiben wir das Jahr 2019 unserer Zeitrechnung (u. Z.) und 1440 nach der Hidschra (n. d. H.).

Im Jahr 630 n. Chr. kehrte der Prophet Mohammed in seine Heimatstadt zurück. Sein großer militärischer Erfolg, Mekka zu erobern, wurde weit über die Grenzen hinaus bekannt und half der Verbreitung seiner Lehre. Bis zu seinem Tod (632 n. Chr.) wurde der Islam fast überall auf der arabischen Halbinsel anerkannt.

Zwei Glaubensrichtungen: Sunniten und Schiiten

Mohammeds Tod markierte das Ende der Prophetenlinie und den Beginn einer kritischen Debatte über die Frage seiner Nachfolge, woraus sich zwei große Glaubensrichtungen im Islam entwickelten: die Sunniten und die Schiiten.

Die Schiiten glauben, dass Mohammeds Cousin und Schwiegersohn Ali, verheiratet mit Fatima, der rechtmäßige Nachfolger gewesen wäre, da das Erbe des Propheten nur einem Mitglied seiner eigenen Familie anvertraut werden könne. Stattdessen wurde ein enger Berater des Propheten ausgesucht – Abu Bakr.

Die Sunniten akzeptierten damals den Nachfolger und nannten ihn Kalif. Der jeweilige Kalif  – theoretisch von der Gemeinde gewählt – war von nun an der Stellvertreter oder Nachfolger des Propheten. Im Jahr 1924 schaffte man das Kalifat ab und seither gibt es bei den Sunniten keine von allen anerkannte religiöse Autorität mehr.

Anders bei den Schiiten, bei denen der Imam eine wichtige Rolle spielt. Er ist der geistliche Führer der Gemeinde und die unbestrittene religiöse Autorität, die für die Interpretation des Korans zuständig ist, und genießt dadurch auch eine große weltliche Macht. Wie es das Vorrecht des Propheten war einen Nachfolger zu bestimmen war es auch das absolute Vorrecht jedes nachfolgenden Imam, seinen Nachfolger wiederum aus der Reihe seiner männlichen Nachkommen auszuwählen. Demnach setzt sich, nach schiitischer Glaubenslehre, das Imamat durch die Abstammung vom Propheten über Ali und Fatima fort.

Die Sunniten, die an die Sunna glauben, bilden mit etwa 90% die Mehrheit aller Muslime weltweit. Unter der Sunna (arabisch سنة– „Brauch, gewohnte Handlungsweise, überlieferte Norm“) versteht man die Gesamtheit der überlieferten Aussprüche, Verhaltens- und Handlungsweisen des Propheten Mohammed als Richtschnur muslimischer Lebensweise.

Grundsätzlich tun dies auch die Schiiten, die Anhänger der Schia (arabisch الشيعة– „Anhängerschaft, Partei, Gruppe“), die nach dem Sunnitentum zu der zweitgrößten religiösen Strömung innerhalb des Islams zählen und etwa ein Zehntel der Moslems ausmachen. Im Iran beispielsweise ist die Schia Staatsreligion und im Irak bilden die Schiiten die Mehrheit. In Afghanistan und Syrien bilden sie ebenfalls eine große Gruppe.

Die Schiiten haben sich in verschiedene Gruppen aufgespalten, die sich vor allem in der Zahl der als unfehlbar anerkannten Nachfahren und Nachfolger des Propheten Mohammeds  – den Imamen – unterscheiden:

Die größte Gruppierung, die Zwölfer-Schiiten (Imamiten) leben hauptsächlich im Iran, Irak und im Libanon und glauben, dass es 12 Imame gab. Der letzte lebt für sie seit dem 9. Jahrhundert im Verborgenen und wird als Erlöser wieder auftauchen und ein Reich des Friedens errichten.

Darüber hinaus gibt es die Ismailiten in Syrien, Afghanistan, Pakistan und Indien und die Zaiditen im Jemen. Eine weitere Gruppe bilden die Aleviten, deren Kerngebiete in der Türkei und in den ehemals osmanisch beherrschten Balkangebieten liegen.

Islamische Buchkunst

Das Wort, sowohl in gesprochener als auch in geschriebener Form, spielt in der arabischen Welt eine besonders wichtige Rolle. Daher besitzt auch die Schrift in der islamischen Kunst  eine große Bedeutung. Häufig werden Ornamente schriftähnlich gestaltet und die Schrift selbst ist Teil der Dekoration und Verzierung. Dies hängt auch mit der Neigung zusammen, bildliche Darstellungen zu vermeiden.

Die bildliche Darstellung im Islam

Der Koran selbst enthält kein ausdrückliches Bilderverbot, aber es können einige Suren (5:90, 6:74 und 21:57-59 bzw. 66-69), die sich gegen den Polytheismus und Götzenbilder richten, als solches interpretiert werden. Trotzdem kann im Islam von einem absoluten Bilderverbot nicht die Rede sein, was zahlreiche Beispiele in der islamischen Kunst aufzeigen. Die Miniaturmalerei ist seit der Seldschukenzeit (1040 – 1194) nachweisbar und man kann deutlich die Einflüsse der byzantinischen, iranischen und buddhistischen Malerei erkennen. Außerdem sind prestigeträchtige Säle, Paläste und Badeanlagen im profanen Bauwesen ohne bildliche Darstellungen genauso wenig vorstellbar, wie in der Literatur, beispielsweise im Fabelwerk „Kalila und Dimna“ (arabisch: كليلةودمن„Kalīla wa Dimna“).

Die zwei Schakale Kalila and Dimna. Aus: Kalila wa Dimna, Syrien, 1200–20 (Paris, Bibliothèque nationale de France, Arabe 3465, folio 48r), The Two Jackals, Kalila and Dimna, Kalila wa Dimna, Syria, 596–617 AH/1200–1220 CE

Medizinische und naturwissenschaftliche Handschriften des arabisch-islamischen Kulturraums bedienen sich ebenfalls der Darstellung lebender Wesen. Mit der Zeit entwickelte sich die islamische Miniaturmalerei in verschiedenen regionalen Stilen und je nach Auftraggeber bildeten sich verschiedene Sphären wie beispielsweise die Malschulen an den Herrscherhöfen der Ilchane, Timuriden, Safawiden, Osmanen und des Mogulkaisers oder die kommerzielle Buchmalerei im Umfeld des Basars heraus. Das Bild gewann gegenüber dem Text immer mehr Eigenständigkeit und somit entstanden auch viele Einzelbilder, die in Sammelalben zusammengefasst wurden.

Islamische Bilder des Propheten Mohammeds

Da die Darstellung des Propheten Mohammeds im islamischen Kulturraum unterschiedlich bewertet wird, gibt es nur selten Bilder des Propheten. Hauptsächlich finden sich Darstellungen als Buchmalereien in persischen und ottomanischen Handschriften und auch erst ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Am Beginn zeigten die Bilder Mohammeds Gesicht oft von einem Heiligenschein oder einer flammenden Aureole umgeben; später (ab dem 16. Jh.) wurde sein Gesicht hinter einem Schleier verborgen oder Mohammed wurde nur als Flamme dargestellt.

Der Prophet Mohammad in einer Berglandschaft mit zwei Anhängern. Aus: Siyar-i Nabi („Das Leben des Propheten“), Istanbul, um 1594–95 (Dublin, Chester Beatty Library, T. 419, folio 189b), The Prophet Muhammad in a Mountain Landscape with two Followers Siyar-i Nabi (‘The Life of the Prophet’), Istanbul, c. 1594–95 CE

Das Buch – Textillumination und kunstvolle Einbände

Im Allgemeinen erfreuen sich Bücher in der islamischen Welt besonderer Wertschätzung. Grundlage hierfür ist, dass den Gläubigen die göttlichen Offenbarungen durch den Koran übermittelt wird. Demnach genießt auch der Kalligraph, der das gottesgefällige Werk des Schreibens verrichtet eine besondere Anerkennung vor allen Künstlern, die an der Herstellung einer Handschrift beteiligt sind. Aus diesem Grund wird Ali – der Schwiegersohn des Propheten Mohammed und vierte Kalif – auch traditionell als erster Kalligraph bezeichnet.

Neben der Textillumination sowie den Randmalereien entwickelte sich auch die kunstvolle Verzierung des ledernen Bucheinbandes. Anders als beim europäischen Buch besteht der islamische Einband in den meisten Fällen nicht nur aus zwei Deckeln und dem Buchrücken, sondern wird zusätzlich ergänzt durch die Klappe oder Zunge, die den Schnitt schützt, so dass das Buch ganz umhüllt wird. Auf dem Einband selbst findet man meist Sternflechtornamente und andere geometrische Verzierungen, die von einer Borte aus Flechtbandmustern oder Ähnlichem umgeben waren. Diese Flechtbandmuster finden sich auch bei unseren edlen Faksimile, sowie auf dem Einband unserer streng limitierten Luxuskassette wieder.