Die Reisen des Ritters Jean de Mandeville

Eine perfekte, originalgetreue Faksimile-Edition erschließt nun endlich die wohl schönste Ausgabe eines der beliebtesten Bücher des Mittelalters: Die Reisen des Ritters Jean de Mandeville aus dem berühmten Livre des merveilles („Buch der Wunder“) werden erstmals überhaupt als Faksimile-Edition herausgegeben.

In vollendeter Kunstfertigkeit zeigen die 74 strahlenden Miniaturen die faszinierendsten und geheimnisvollsten Begegnungen des Ritters Jean de Mandeville auf seinen vorgeblich mehr als 30 Jahre dauernden Reisen. Vom Heiligen Land bis in den Fernen Osten reichen die Darstellungen und zeugen von der beeindruckenden Vorstellungskraft eines bis heute unbekannt gebliebenen Autors.

Die Wunder der Erde

Zu allen Zeiten lockte die Menschen die Ferne, das Unbekannte, Exotische. Was sich hinter dem Horizont verbarg, war verführerisch, betörend, manchmal bedrohlich. Wunder und Wunderliches in den Ländern des Fernen Ostens, Heiliges und Verehrenswertes an den Pilgerstätten des Nahen Ostens, beides war gleichermaßen faszinierend und irritierend.

Die Reisen des Ritters Jean de Mandeville

Vor allem ein Buch stillte im Spätmittelalter im Abendland dieses Interesse, das Buch von den Reisen des Ritters Jean de Mandeville. In diesem angeblich 1357 entstandenen Werk erfuhren die Leser, was sie von den Heiligen Stätten jenseits des Meeres und den exotischen Regionen am Rande der damals bekannten Welt wissen wollten. So wurde das in Mittelfranzösisch verfasste Buch von den Reisen des Ritters Jean de Mandeville zum Bestseller und schnell nicht nur ins Lateinische, sondern auch in viele Nationalsprachen übersetzt, ins Deutsche, Spanische, Tschechische etc.

Für die Menschen, die das Buch lasen, gab es keinen Grund an der Welterfahrung des vermeintlichen Autors zu zweifeln; er nennt sich im Text selbst: Jean de Mandeville, ein englischer Ritter, der 1322 aufbrach und erst 1356 in seine Heimat zurückgekehrt sei, nachdem er dreißig Jahre lang nahezu alle Länder der Welt durchreist habe.

Bis heute ist nicht gesichert, wer sich hinter dem Pseudoym „Jean de Mandeville“ verbirgt. Möglicherweise war es der Benediktinermönch Jean d’Ypres (Jean le Long), dem wir auch die Übersetzung vieler lateinischer Texte des 13. Jahrhunderts ins Französische verdanken, die sich mit den Pilgerstätten des Nahen und den wundersamen Ländern des Fernen Osten befassen.

74 Miniaturen erzählen von der Faszination des Orients

Im Livre des merveilles, dem Buch der Wunder, einer der schönsten Prachthandschriften, die im zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, einer an herausragenden Manuskripten keineswegs armen Zeit, entstanden ist, nimmt das Buch von den Reisen des Ritters Jean de Mandeville neben anderen bedeutenden Werken über den Fernen Osten einen wichtigen Teil ein. 74 faszinierende Miniaturen begleiten die Schilderungen von den Wundern der Erde. Der faszinierende Text findet zweispaltig zu 40 Zeilen auf 84 Blättern großzügigen Formats (421 x 300 mm) Platz. Auf keiner einzigen Seite wurde auf Gold und Farben verzichtet. Bild für Bild beschenkt die kostbare Handschrift den Betrachter mit immer neuen und faszinierenden Blicken auf die Wunder der Erde. Die Themen der Miniaturen reichen von Darstellungen verehrungswürdiger Stätten im Heiligen Land bis zu exotischen Szenerien im Fernen Osten.

74 Miniaturen von der Hand großer Meister

Die prachtvolle Zimelie mit Texten über die Länder und Wunder des Nahen und Fernen Ostens wurde zwischen Januar 1410 und spätestens Ende 1412 in Paris für Johann Ohnefurcht vollendet. Am Buch von den Reisen des Ritters Jean de Mandeville waren einige der berühmtesten und talentiertesten Buchmaler wie der Mazarine-, der Cité-des-dames- und der Egerton-Meister beteiligt, die mit ihrer Innovationskraft und Kunstfertigkeit in der Lage waren, die ungewöhnlichen Bildthemen über die Wunder der Erde, für die es so gut wie keine Vorlagen gab, in einer Zeit auszuführen, in der nach realistischer Wiedergabe gestrebt wurde und man begann, eine dreidimensionale Auffassung des Raumes malerisch zu erschließen.

In den Händen großer Bibliophiler

Politische Umstände zwangen den Burgunderherzog Johann Ohnefurcht, sich von diesem Prachtstück zu trennen und es zu Neujahr 1413 seinem Onkel Johann von Berry zu schenken, der sein Wappen einfügen ließ und in dessen reicher Sammlung es einen besonderen Platz einnahm. Auch dessen Urenkel Jacques d’Armagnac ließ seine Zeichen ergänzen und veranlasste die Ausführung einer Miniatur. Als der glücklose Fürst 1476 vom König unterworfen war, teilten die Sieger die Beute. Das Buch von den Wundern gelangte wohl in die Hände von Charles d’Angoulême, über dessen Sohn Franz I. von Frankreich es letztlich Teil der königlichen Bibliothek wurde, die den Grundbestand der heutigen französischen Nationalbibliothek bildete. Dort wird die Prachthandschrift heute unter der Signatur Fr. 2810 gehütet. Nachdem vor zwei Jahrzehnten der Marco-Polo-Teil des Manuskripts als Faksimile publiziert wurde, wird nun das Buch von den Reisen des Ritters Jean de Mandeville einem größeren Interessentenkreis erschlossen.

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